Am 10. Januar 2011 bin ich, nach 20 Jahren vegetarisch essen, auf vegan leben umgestiegen. Heute möchte ich beschreiben, warum mir die Arbeit mit den Nervensystem damals sehr geholfen hätte.
Falls du selbst nicht vegan lebst, kannst du dies durch dein persönliches Synonym ersetzen. Ich möchte dich, bevor du weiterliest, gerne dazu einladen, dein persönliches Beispiel zu finden.
Wir suchen etwas…
- worüber du plötzlich viel gelernt hast.
- das dir sofort die Augen geöffnet hat.
- durch das du deine bisherigen Handlungen hinterfragt hast.
- das deinen Weltblick verändert hat.
- was dazu geführt hat, dass du die Entscheidungen von anderen Menschen angezweifelt hast.
- das einen Einfluss auf dein Leben hatte, vielleicht sogar dein ganzes Leben auf den Kopf gestellt hat.
- woran du sehr interessiert warst und möglichst schnell möglichst viel erfahren wolltest.
- das dich so sehr begeistert hat, dass du über nichts anderes mehr sprechen hast wollen.
- worüber du ständig nachgedacht hast.
- weswegen es dir teilweise schwer gefallen ist, dich mit deiner Meinung zurück zu halten.
- das dich in den ein oder anderen Konflikt gebracht hat.
Einige Ideen dazu:
- Neuer Job
- Neue Sprache
- Neuer Lieblingsmensch
- Neue Ausbildung
- Neuer Wohnort
- Neu erwecktes Interesse an Politik/ Parteiarbeit
- Neues Hobby
- Neuer Freundeskreis
- Neues Urlaubsziel
Da ist doch bestimmt was für dich dabei, oder? Hast du dein Lieblings-Dings gefunden? Prima, weiter geht es im Text 🙂
Im Frühjahr 2011 habe ich viel geweint. Ich habe den Schmerz von Kuhmamas und Kälbchen gespürt, Hühner in schlimmster Verfassung auf Fotos und Videos gesehen, die Schreie von Schweinen im Ohr gehabt, konnte Fleisch nur noch ganz schwer riechen, es war mir ein Rätsel Käse jemals lecker gefunden zu haben und ich fand Leder und wolle auf meiner Haut unerträglich.
So ist das, wenn man wegen eines Buchs („Tiere essen“) innerhalb von zwei Wochen beschließt das eigene Leben auf den Kopf zu stellen.
Die Bilder aus der Doku „Earthlings“ gehen mir bis heute nicht aus dem Sinn. Ich habe in München zum Glück sehr schnell Anschluss an Gleichgesinnte, andere Veganerinnen und Veganer gefunden und mich von ihnen sehr verstanden und in ihrem Kreis sehr wohl gefühlt. Hier war Platz für meine Sorgen, Ängste und die riesengroße Wut auf „alle anderen“. An dieser Stelle möchte ich kurz erwähnen, dass das Vegan von 2011 dem Vegetarisch von 1976 entspricht. Da war nix mit Discounter und Drogeriemarkt. Außer im Biomarkt oder im veganen Versandhandel gab es keinen Brotaufstrich, Schokolade oder guten Tofu.
Trotz all der Hindernisse wusste ich, dass dies nun mein Weg ist und hab diesen bis heute nicht einen Tag bereut.
Vegan leben war in der Großstadt immer gut umsetzbar, ich war noch nie hungrig deswegen. Dennoch hast diese Anfangszeit sehr viel mit mir gemacht. Ich hab viele neue Dinge gelernt, mir ist die Wahrheit über die Haltung von Kühen und Hühnern direkt ins Herz gegangen. Da war kein Wegschauen mehr möglich und ich habe die 20 vegetarischen Jahr sehr hinterfragt. Manchmal habe ich den Wunsch nach Nicht-Wissen, der verfliegt jedoch meist schnell wieder. Mein Blick auf die Welt war plötzlich ein ganz anderer und mir ist es schwer gefallen in der Arbeit über meinem mitgebrachten Mittagessen zu sitzen und seltsame Fragen von Kolleginnen und Kollegen zu beantworten. Ich habe deren Leben und Lebensweisen in Frage gestellt und war sehr viel mehr im Außen als bei mir.
Gleichzeitig hat mich die neue Welt bedingungslos fasziniert, weswegen ich noch mehr erfahren wollte, mir eine Doku nach der anderen reingezogen und ein Buch nach dem nächsten verschlungen habe. Ich wusste, dass ich andere nicht überzeugen konnte und habe lieber vorgelebt. Gleichzeitig ist es mir wahnsinnig schwer gefallen, meine Meinung und mein Wissen zurückzuhalten. Auf Veggie-Veranstaltungen wurde ich Teil von bösartigen Auseinandersetzungen, auf selbst organisierten Demos und Flyer-Verteil-Aktionen mit dem neuen Freundeskreis, haben wir uns und unser Leben gefeiert, während wir von anderen belächelt wurden. In meinem damaligen Blog „Claudi goes vegan“ habe ich versucht all die Hochs und Tiefs zu verarbeiten.
Heute denke ich mir, dass mir die Nervensystem-Regulation 2011 sehr gut geholfen hätte. Ich mag mich hier in der Frage verlieren, was mit meinem Wissen und meiner Erfahrung von heute, damals anders (besser) gelaufen wäre.
Deswegen war es mir so wichtig, dass du, liebe Leserin, lieber Leser, dein eigenes Beispiel findest. Denn ich wünsche mir, dass ich dich und dein Nervensystem, unter anderem mit diesem Blogartikel, gut unterstützen kann. Wenn nur ein Tipp oder eine Idee für dich dabei ist, dann hat sich das Verfassen schon gelohnt. So eine Unterstützung hätte ich mir für mich 2011 nämlich gewünscht.
Das wird nun sehr hypothetisch und mir ist bewusst, dass in der Theorie und im Nachhinein sicherlich vieles besser funktioniert als im Hier und Jetzt. Dennoch mag ich das gedankliche Experiment wagen und ein bisschen träumen. Bewusst beziehe ich alle Beispiele auf mich, mein Umfeld, die Situationen im Jahr 2011 und gehe dabei ganz konkret und detailliert auf meine persönlichen Erlebnisse ein.
Ich wünsch dir dabei von ganzem Herzen gute Erkenntnisse für dich.
Demonstrationen
Warst du schon mal auf einer Laufdemo? Im Vorfeld bin ich restlos aufgeregt, renne 108 mal aufs Klo und mir ist speiübel. Währenddessen ist der absolute Kampfmodus angesagt, schreien, pfeifen, Schilder Halten, applaudieren, volles Programm. Danach bin ich, sobald die Aufregung abgeklungen ist, zuerst überglücklich und stolz. Das kippt dann am Abend und ich werde sehr schnell dermaßen müde vor lauter Hormon-Achterbahn den ganzen Tag über. Wo kommt das hier? Wenn die Basislinie eh schon gestresst ist (Demo-Vorbereitung, gegenseitiges hochschaukeln schon Tage vorher, stressige Anreise, …) dann rauschen wir gerne wie auf einer Achterbahn hoch und runter in unseren Gefühlen. Dann sind das keine sanfte Wellen mehr, die langsam auf und ab schaukeln. Nein. Das ist dann eher wie das Meer, welches mit voller Wucht bei Sturm gegen die Klippen schlägt. Hier hilft es also mit der Regulation des Nervensystems schon vorbereitend diese Basislinie dauerhaft nach unten zu verschieben, so dass die Wellen nicht mehr bis zum Anschlag kommen, sondern sanft zurück gleiten. So gerne würde ich nun, mit reguliertem Nervensystem, wieder an einer Demo gegen Wildtiere im Zirkus teilnehmen. Mich würde sehr interessieren, ob ich heute emotional ausgeglichener unterwegs sein könnte? Vielleicht mich auch besser rausnehmen, alles mit mehr Ruhe angehen könnte?
Info-Stände
Hierfür hätte ich mir auf jeden Fall immer mehr innere Ruhe gewünscht. Wenn es darum geht auf Spendenbasis Kuchen, Pins, Poster oder T-Shirts unter die Menschen zu bringen und Cent-Beträge für einen Cupcake gespendet werden – da könnte man wirklich durchdrehen. Doch was will man machen? Preise angeben ist nicht möglich, da nicht verkauft werden darf. Da hilft es, wenn man bei sich bleiben kann. Auf den Umgang mit den Menschen an diesen Ständen, gehe ich später noch ein.
Flyer-Aktionen
Ich kann mich gut an meine erste, selbstorganisierte Flyer-Aktion erinnern. An der Hackerbrücke habe ich, mit nur drei weiteren Aktivistinnen,Flyer für einen Zirkus ohne Wildtiere verteilt. Das war für mich besonders anstrengend, da ich die Organisatorin unserer „Veranstaltung“ war und somit die Ansprechpartnerin der Polizei und zusätzlich für alle verantwortlich. Auf dem Weg zum Circus haben die Besucherinnen und Besucher ihre Kinder teilweise von uns weggezogen. Die Kombination aus Verantwortung, Stress, den fast schon verzweifelten Versuchen Gespräche zu führen – und all das mit der Polizei im Nacken – holla die Waldfee. Absolute Reizüberflutung und viel zu viel für meine junges Veganerinnen-Dasein. Im Nachhinein hätte ich einfach mehr Erfahrung sammeln sollen, bevor ich in als Organisatorin eine Demo angemeldet habe. So hätte ich sicherlich weniger Stress (und Frust) empfunden. Wie kann in diesem Fall „Erfahrung sammeln“ aussehen? Ich hätte mir eine Freundin an die Seite holen können, die mit mir Veranstalterin ist. Oder Menschen, die in einer Tierrechtsgruppe vor Ort sind, um Unterstützung bitten. Vielleicht auch erst einmal an einer Aktion einer oder mehrerer Gruppen teilnehmen, bevor ich mich ganz allein Richtung Zirkus aufmache.
Anti-Pelz-Flashmob
Hier wurden meine Freundeskreis, bestehend aus Aktivistinnen und Aktivisten, zutiefst beleidigt. Ein als Hase verkleidete Freundin lies sich von einer anderen Freundin mit Knüppel in der Hand, kreischend durch die Fußgängerzone jagen. Als die Jägerin den Hasen gefangen hatte, schrien wir anderen (ich denke wir waren insgesamt ca. 15) ganz laut: „Pelz ist Mord!“ und haben uns daraufhin auf den Boden geworfen und sind liegen geblieben. Es handelte sich dabei nicht um eine blutrünstige Aktion, das Jagen, Schreien und Hinwerfen war nicht triggernd und wirklich für alle Umstehenden geeignet. Dennoch wurden wir angegriffen und haben uns von negativen Reaktionen aus der Bahn werfen lassen. Heute wäre ich ganz klar, im Vorfeld schon reguliert, in die Aktion reingegangen. Ich hätte gedanklich durchgespielt was passieren könnte und wäre so viel mehr in meiner Ruhe und Überzeugung geblieben statt mich irritieren zu lassen. Reaktionen wie: „Das könnt ihr doch meinem Kind nicht antun?“ hätte ich sachlich und ruhig angekommen, schnell verarbeitet und darauf wesentlich gelassener als damals geantwortet.
Umgang mit Menschen, die Tiere essen
Gerade im Umgang mit kritischen Menschen, ist Selbstregulation sehr hilfreich. Ich habe auch damals schon gut argumentiert, versucht jede Person dort abzuholen wo sie seht und so viel Ruhe wie möglich ausgestrahlt. Dennoch denke ich, dass ich mich mit einem größeren Toleranzfenster, nicht so schnell aus der Ruhe bringen hätte lassen. Vor allem gegenüber skeptischen Menschen ist es schwierig bei sich zu bleiben und nicht ausfallen zu werden. Denn man selbst sieht alle Argumente sehr klar und deutlich. Nun ist es freilich ein Unterschied, ob diese Menschen aus dem Kollegen- oder Freundeskreis kommen – oder ob es sich um Fremde bei Flashmobs, Flyer-Aktionen, Demonstrationen oder an Info-Ständen handelt. Mit dem Schema „Fragen ehrlich beantworten – jedoch nicht von selbst überzeugen wollen oder aus dem Nichts heraus argumentieren“, bin ich über die Jahre hinweg wirklich gut gefahren. Gleichzeitig weiß ich, dass ich oft einfach nur schweigend da saß und in mir ein Sturm gebrodelt ist. Heute würde ich mich öfter einbringen und zu mir und meiner Meinung stehen. Vielleicht auch mit Rückfragen meinerseits versuchen, mehr bei mir zu bleiben, während das Gegenüber sich sozusagen selbst aufdeckt.
Umgang mit anderen Veganerinnen und Veganern
Man glaubt ja, dass hier alle an einem Strang ziehen. Doch nein – da ist Neid und Missmut von Tierrechtsgruppe zu Tierrechtsgruppe vorhanden. Unglaublich, oder? Intrigen waren genauso an der Tagesordnung wie das Gegeneinander statt Miteinander. Einfach nur traurig. Heute würde ich (aktiv und zeitnah) klärende Gespräche suchen und mich nicht mehr mitreißen lassen.
Grenzen setzen
Wenn wir auf unsere Grenzen acht geben, statt uns ständig außerhalb unserer Komfortzone (und somit in Angst und Stress) zu befinden, dann erweitern sich unsere Grenzen langsam, wie von selbst, nach und nach. Wir selbst haben in der Hand nein zu sagen. Ein Nein benötigt keine weiteren Worte. Ein Nein ist ein vollständiger Satz. Ich bin zu oft und zu schnell über meine eigenen Grenzen rausgegangen und habe sie zu sehr ignoriert. Wenn ich heute etwas neues lerne, dann bringe ich es mir ganz langsam bin, frei von Angst und Stress. Ich wünschte mein Wissen vom Sommer 2024, in dem ich mit 41 Jahren Motorroller fahren gelernt habe, hätte ich auch 2011 schon gehabt. Sehr viel langsamer hätte ich mich an all die vielen Neuigkeiten, die das vegan werden mit sich gebracht hat, heran getastet.
Wut und Krawall
Mit einem regulierter Nervensystem schießt unser Gasgeben- und Kampfmodus bei weitem nicht mehr so schnell hoch, wie mit einem unreguliertem Nervensystem. Wie gut hätte mir das vor 14 Jahren schon getan! Ich bin absolut dafür, auch die s. g. negativen Emotionen zuzulassen. Denn ich mag die gar nicht mehr als schlecht bezeichnen. Sie haben für mich die gleiche Daseinsberechtigung und dürfen genauso gesehen werden, wie die s. g. positiven Emotionen. Außerdem finde ich, dass anschauen und durchfühlen viel schöner und wertvoller sind, als wegdrücken und verdrängen. Gleichzeitig halte ich es für schwierig, die eigene Wut so nach außen zu richten, dass sie andere Menschen erschreckt. Mit einem erweiterten Toleranzfenster, können wir die Wut und den Krawall besser halten. Ja, als Veganerin bin ich (vor allem anfangs) sehr wütend gewesen. Geholfen hat mir damals der stete Austausch mit Gleichgesinnten. Heute würde ich vermutlich einen Großteil der damaligen Wut selbst halten können. Mittlerweile habe ich selten Vegan-Wut in mir. Ich wundere mich nur manchmal 😉
Wissensdurst
Zu viel ist nie gut. Ich tendiere dazu mich in neue Dinge, die ich lernen will, förmlich reinzulegen. Da ist dann nichts anderes mehr in meinem Kopf als höher, schneller, weiter, mehr, mehr, mehr. Das ist nicht gut. Mit meiner aktuellen Ausbildung (NESC) handhabe ich das bewusst anders. Endlich habe ich gelernt, dass zu viel zu viel sein kann. Ich schaue, dass ich nicht fünf Fachbücher gleichzeitig lese, bewusst auch YouTube oder Mediathek Inhalt konsumiere, der so gar nichts damit zu tun hat. Mir ist es sehr wichtig eine Balance zu halten, um selbst in Balance zu bleiben. Das hätte ich damals rückblickend auch so machen sollen. Auch hier kommt wieder die zuvor (Punkt „Demonstrationen“) erwähnte Basislinie ins Spiel. Je regulierter wir sind, je ausgeglichener die Basislinie ist, umso besser könne wir lernen und aufnahmen und auch die gute Balance zur Ruhe finden.
Verarbeitung von Wissen
Das für mich einfach war, ist das Verarbeiten von Wissen. Ich kann viel leichter mit geschriebenen Worten als mit Bildern umgehen. Traurige Dinge zu lesen, fällt mir leichter, als sie in Form von Foto oder Film aufzunehmen. So war es für mich kein Problem Sachbücher zu Tierrechten, Ernährung, über Haltungsformen von so genannter Nutztiere oder die Herstellung von Lebensmitteln (wobei ich das Wort Lebensmittel weiterhin im nicht-veganen Kontext befremdlich empfinde) zu lesen. Nachrichten lesen ich übrigens über zwei Newsletter, schwarz auf weiß. Ich habe schon vor über einem Jahrzehnt aufgehört sie mir per Video anzusehen. Auch Tageszeitungen kann ich nicht lesen, wegen der dort enthaltenden Fotos. Hier ist Selbstfürsorge angebracht und ich halte es für wichtig, dass jeder Mensch den eigenen Weg findet und geht.
Verarbeitung von schlimmen Bildern
Es ist meine Überzeugung, dass ich Emotionen heute anders verarbeiten kann als damals. Vermutlich würde ich die ein oder andere Doku erst gar nicht mehr anschauen. Wenn ich jedoch von traurig stimmenden Bildern überrascht werde, kann ich mich insofern damit auseinander setzen, dass ich mir gleich sage: „Du bist daran nicht schuld/ du hast damit nichts zu tun/ du isst keine Tiere/ du trinkst keine Milch/ du isst keine Eier,…“. Dennoch bleibt eine Fassungslosigkeit da. Das Bild eines Hundes, welcher verletzt in einen Müllwagen geworfen wird (gesehen in „Earthlings“) geht mir bis heute nicht aus den Kopf. Die Schreie von Schweinen ebenso nicht. Das Weinen von Kuhmamas, die ihre Kälbchen vermissen, werde ich auch nicht los. Ich habe mir jedoch auf meine imaginäre „Trigger-Dekonditionierung-Liste“ gesetzt, dass ich all das unbedingt verarbeiten will. Sobald ich mich bereit fühle, werde ich diese Technik, aus meiner Ausbildung im NeuroEmbodied Soul Centering®, mit Unterstützung einer NESC-Kollegin umsetzen.
Blick auf die Vergangenheit
… dabei habe ich mir fest vorgenommen, mir Unterstützung im Bereich des NeuroEmbodied Soul Centering® zu holen, sollte ich alleine nicht weiterkommen. Was ich nämlich jetzt schon weiß: Mit einer Raumhalterin ist es sehr viel leichter als alleine. Vor allem wenn es darum geht, in die Vergangenheit zu schauen. Ich selbst tendiere zu Selbstvorwürfen wie: „Wieso hast du das nicht eher kapiert und warst so lange Vegetarierin???“ Es ist viel schöner, wenn man damit nicht allein ist. Und wie schade, dass sich das menschliche Gehirn so gerne in Vergangenheit oder Zukunft aufhält? Ich wünsche uns allen viel mehr im Hier und Jetzt zu leben.
Sorgen und Ängste
Ich habe mal den schlauen Spruch gehört oder gelesen, dass sich Sorgen und Ängste immer um die Zukunft drehen. Das kann ich von meiner Seite her bestätigen. Immer wenn ich mich in Sorgen oder Ängsten wiederfinde, stelle ich schnell fest, dass ich nicht in der Gegenwart bin. Genau das ist meine Empfehlung an dieser Stelle. Am besten klappt für mich die Regulierung über die Atmung. Mit bewussten Atemzügen bin ich ratzfatz mit dem jetzigen Moment verbunden und finde zurück zu mir. Raus aus horrormäßigen Szenarien, die sich in meinem Kopf abspielen.
Depressionen
Im Zuge des eben erwähnten schlauen Spruchs war auch die Rede davon, dass Depressionen (oder depressive Schübe) immer um die Vergangenheit drehen. Passend dazu hat der Künstler Moby in einem Interview darauf hingewiesen, dass Menschen, die sich im Bereich der Tierrechte engagieren unbedingt besonders gut auf ihre psychische Gesundheit achten sollen. Hier sei Burnout-Prävention sehr relevant und dringend empfohlen. Es kann einen wortwörtlich runter ziehen, wenn man ständig mit der Qual von und an geliebten Lebewesen konfrontiert wird. An dieser Stelle sei aus Sicht des Nervensystems dringend der Austausch mit Gleichgesinnten empfohlen. Je mehr Co-Regulation und Gemeinschaft, umso besser.
Blick auf die Welt
Weniger Stress oder Frust hätte ich hier mit Sicherheit entwickeln können, wenn mein Nervensystem schon regulierter gewesen wäre. Mir hat es sehr oft übelst zugesetzt, wenn ich aus meinem Kreis an vegan lebenden Menschen rausgeschaut habe und auf dem harten Boden der Realität gelandet bin. Ich wünsche mir sehr, damals wesentlich gelassener und tatsächlich auch mehr bei mir als im Außen gewesen zu sein. Der Blick auf die Welt ist einfach oftmals schwer und hart. Heute kann ich viel mehr bei mir und in meinem Umfeld bleiben und den Rest besser ausblenden. Hilfreich ist dabei beispielsweise mein reduzierter Nachrichten-Konsum und der Fokus auf die schönen Dinge in meinem Leben. Tägliche Notizen in mein Dankbarkeits-Tagebuch sind hilfreich.
Zweifel an anderen Menschen und deren Handlungen
Unverständnis ist das Wort welches es am besten trifft. Als frischgebackene Veganerin habe ich die Welt nicht mehr verstanden. Ich konnte einfach kaum mehr eine Handlung von Menschen, die nicht vegan leben, verstehen und hatte Zweifel am Herz und Hirn anderer Menschen. Wie zuvor erwähnt, habe ich ihnen gegenüber ganz viel geschwiegen und den Großteil mit mir oder Gleichgesinnten ausgemacht. Dazu hatte ich meinen Blog, das Schreiben hat mir auch damals schon sehr gut getan und mir bei der Bewältigung zwischenmenschlicher Schwierigkeiten geholfen. Heute stehe ich absolut drüber, denke und fühle: „Jeder Mensch darf den eigenen Weg im individuellen Tempo gehen.“. Das wir alle unterschiedlich sind, unterschiedlich fühlen und handeln hilft mir heute sehr. Du bist du und ich bin ich. Wir sind alle eins und doch so anders.
Gedankenkreise
Kennst du des Gefühl wenn du immer und immer wieder ums selbe Thema kreist, um dein Thema, und einfach so gar nimma rauskommst? Da willst du den Laptop zuklappen und dann macht es Klick und dir fällt wieder was ein und du fährst ihn erneut hoch um noch was aufzuschreiben oder festzuhalten oder noch schnell an E-Mail an egal wen zu schicken weil es dich halt einfach nicht loslässt? Ich kenne das so gut. Was mir heute hilft sind ganz einfache Notizzettel. Ich hab immer Schmierpapier auf meinem Tisch liegen und notiere mir kurz und knackig Stichpunkte, die ich dann umsetze, wenn der Rechner wieder an ist. So weit wäre mein Nervensystem 2011 nicht gewesen. Da bin ich teilweise um 22:30 Uhr nochmal hochgefahren, um noch schnell XYZ zu erledigen, um dann ne Dreiviertelstunde später total balla und irre müde ins Bett zu plumpsen. Das ist nicht gut. Was wir im ersten Schritt unserer Nervensystem-Regulation erreichen wollen, ist unsere Grundbedürfnisse zu achten. Diese sind ganz simpel: Essen, trinken, schlafen und aufs Klo gehen. Und wenn du jetzt lachst und dir denkst: „Das mache ich doch eh, so ein Schmarrn!“, dann lade ich dich herzlich dazu ein, dich die nächsten zwei Tage mal diesbezüglich zu beobachten 🙂
Richtig tolle „Bekanntschaften“
Ich durfte tatsächlich „Rise Against“ und „Jason Mraz“ persönlich kennenlernen und mich so richtig mit den Männern unterhalten. Mit Jason Mraz habe ich sogar ein Interview für meinen „Claudi goes vegan“ geführt. Wenn ich die beiden Fotos von damals anschaue, wirke ich total außer mir. Bei Jason hat mein Herz Purzelbäume geschlagen, ich hab sogar vergessen ihm mein Mitbringsel, selbstgedörrte Grünkohl-Chips, zu schenken. Bei Rise Against wusste ich gar nicht wo ich hinschauen soll, vor lauter Überforderung endlich mal eine echte Band auf der anderen Seite des PETA-Info-Tisches stehen zu haben. Wenn ich in dem Momenten nicht ganz so aufgeregt sondern mehr bei mir gewesen wäre, dann könnte ich mich heute vielleicht noch dran erinnern. Von Rise Against weiß ich nichts mehr, wirklich gar nichts mehr. Von Jason Mraz lediglich deswegen, weil ich mir mein eigenes Interview noch zig mal durchgelesen habe danach. Wirklich anwesend war ich nicht. Das könnte ich heute vermutlich besser. Ich würde mich viel mehr ins Hier und Jetzt holen, mit unterschiedlichen Techniken, all das, was in diesem Moment passiert, direkt in mein System integrieren und das Erlebte noch sehr lange nähren.
Mittagspause
Wenn man mit einem anderen Essen ständig auffällt, stets gefragt wird: „Was isst du denn da?“ oder Kommentare fallen wie: „Na das schaut ja wieder gesund aus.“. All das weder positiv noch bestärkend gemeint ist, im Gegenteil. Dann machen Mittagspausen mit Kolleginnen und Kollegen nicht mehr so viel Freude wie ursprünglich. Ich denke dabei an Menschen, die keinen Alkohol trinken und, statt nach der gewünschten Alternative gefragt zu werden, sich gefühlt stundenlang erklären und rechtfertigen zu müssen. Was sollte hier reichen? Ein Nein. Denn ein Nein braucht keine weitere Erklärung. Diese Klarheit hätte ich mir damals in Bezug auf den Veganismus gewünscht. Meine Idee für eine nervensystemfreundliche Mittagspause ist entweder klare Grenzen ziehen und diese aussprechen. Wenn das dann nicht funktioniert (oder weil es gegenüber Vorgesetzten beispielsweise schwierig werden kann) hätte ich versucht alleine zu essen. Meine Lösung damals war die Gespräche vorbei ziehen zu lassen, nicht darauf einzugehen. Auch, weil ich nicht negativ auffallen wollte, mit Mobbing-Erfahrung aus der Schulzeit. Ich war wie ein Eiswürfel, innerlich am arbeiten und äußerlich eingefroren. Nennt sich auch Freeze und ist eine Mischung aus dorsalem Vagus (Notbremse) und Sympathikus (Gaspedal).
Mitteilungsbedarf
Die Sache mit dem Mitteilungsbedarf ist gar nicht so einfach. Denn einerseits möchte man als Neuveganerin alles allen mitteilen. Andererseits ist es genau das, wovon Nichtveganer maßlos genervt sind.“Ich bin die Claudia und ich bin Veganerin“ wäre 2011 meine liebste Art und Weise gewesen, mich neuen Menschen vorzustellen. Gemacht habe ich das kein einziges Mal. Vielleicht ist es 2025 an der Zeit das einfach mal auszuprobieren? Wäre sicherlich spannend, welche Reaktion folgt. Aus Nervensystemsicht ist das Zurückhalten von relevanten Wesenszügen und Ansichten freilich alles andere als der Hit. Mein Nervensystem freut sich immer, wenn ich authentisch zu mir stehe und meine Werte nach außen trage. Die Frage ist: Wann und wie? Vermutlich ist verteidigen die bessere Wahl als anzugreifen?
Zurückhaltung
Heute stehe ich zu mir, meiner Meinung und stehe vollumfänglich für mich und meine Bedürfnisse ein. Mein Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein und Selbstwert sind viel besser als vor 14 Jahren. Ich könnte in besagten damaligen Mittagspausen, heute bestimmt viel besser, ganz klar und deutlich, für mich einstehen. Da ich all das 2011 jedoch noch nicht so gut ausgeprägt hatte wie heute, war der damalige Weg, zu diesem Zeitpunkt, der für mich richtige Weg. Ich gehe immer davon aus, dass unser Nervensystem in dem Moment so handelt, wie es möglich ist. Und damals wäre das für mich Einstehen nicht so gut möglich gewesen. Also war damals das Schweigen schlauer. Heute ist es das nicht mehr.
Hast du dich in einem oder mehreren der Punkte wiedererkannt? Ich freue mich über eine E-Mail, falls dem so ist.
Wir halten hier fest: Sehr viele Dinge hätten für mich damals ganz anders ablaufen und stattfinden können. Ich hätte sehr viel mehr Gelassenheit und weniger Stress erleben brauchen. Hätte mich besser schützen und umsorgen können. Im jeweiligen Moment und nicht erst viel später. Vielleicht hätte ich sogar mein Umfeld, bei dessen Erweiterung der Toleranzfenster und Verschiebung der Basislinie, unterstützen können.
Ich bin mir somit sicher, dass mir die Arbeit mit den Nervensystem damals sehr geholfen hätte.
Allerdings bin ich keine Freundin davon nun in der Vergangenheit zu suhlen und mich an „hätte wäre wenn“-Ideen festzuhalten. Viel wichtiger ist:
Heute kann ich für mich da sein. Ab Sommer 2025 kann ich auch für dich da sein. Abonniere sehr gerne meinen Newsletter, falls du schnell informiert werden willst, sobald du meine neuro-verkörperte Seelenpflege buchen kannst.
Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass wir alle ein friedlicheres, liebevolleres, sicheres und gesundes Leben führen können. Weil unsere Körper die Antwort spüren.
ALLES LiEBE
Claudia
Disclaimer: Meine Dienstleistungsangebote können im Einzelfall den Gang zum Arzt, Psychotherapeuten oder Physiotherapeuten nicht ersetzen. Ich halte die Dienstleistung von Ärzten, Heilpraktikern, Psychotherapeuten und Physiotherapeuten für Sie wichtig. Daher soll eine laufende Behandlung nicht unter- oder abgebrochen bzw. in künftig notwendigen Fällen nicht aufgeschoben oder ganz unterlassen werden. Mein Coaching-Programm kein Ersatz ist für eine qualifizierte Beratung oder Betreuung in juristischen, medizinischen und/oder therapeutischen Belangen.